Teil 5 der Reihe „Lebenszeiten – Essays zur Palliativarbeit"
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Ein Ehepaar fragte mich einmal, ob ich mit ihnen beten würde. Praktizierende Katholiken, moderne, aber tiefgläubige Menschen. Ich war überrascht – nicht, weil es unpassend gewesen wäre, oder mein Glaube hier in irgendeinem Konflikt gestanden hätte, sondern weil ich nicht damit gerechnet hatte, in dieser Rolle gefragt zu werden. Natürlich habe ich mit ihnen gebetet.
In dem Moment fiel mir ein Satz ein, aus einem Film mit Anthony Hopkins, in dem er einen Exorzisten spielt. Er sagt darin sinngemäß:
Ein Gebet hat noch niemandem geschadet.
Ich würde den Satz erweitern: auch nicht demjenigen, der betet. Das ist die Haltung, mit der ich in dieses Feld gehe – und dieses Feld ist größer, als der eine Satz vermuten lässt. Es ist vielleicht das größte Feld überhaupt, dem ich in dieser Arbeit begegne. Größer als die Angst vor Schmerzen, größer manchmal sogar als die Sorge um die Familie. Die Frage, was von uns bleibt, wenn nichts mehr von uns bleibt.
Die Frage, die bleibt
Ich habe mit einem Mann viele Gespräche geführt, der sich früh in seinem Leben entschieden hatte: Es gibt keinen Gott. Diese Entscheidung stand für ihn lange fest, unangetastet, fast wie ein Grundpfeiler seiner Identität. Er war kein Zweifler, kein Suchender – er hatte diese Frage für sich abgeschlossen, lange bevor ich ihn kennenlernte. Erst mit Beginn seiner Krankheit kam eine andere Frage dazu – nicht ob es einen Gott gibt, sondern ob es so etwas wie Schicksal gibt, einen größeren Plan. Er schob den Gedanken meist schnell wieder weg, sagte er mir, weil er ihn eher deprimierte als beruhigte. Es war, als würde die Frage selbst schon eine Niederlage bedeuten – als hätte sein junges Ich, das so klar entschieden hatte, jetzt doch noch etwas zu verhandeln.
In den letzten Wochen, als sein Zustand sich zusehends verschlechterte, kam die Frage trotzdem zurück, drängender, lauter als vorher. Was passiert, wenn das Herz aufhört zu schlagen? Gibt es das weiße Licht, von dem alle sprechen? Oder bin ich dann einfach nicht mehr da? Er hatte keine Antwort. Ich auch nicht. Und ich glaube, genau das war der Punkt, an dem sich etwas zwischen uns veränderte – nicht, weil ich ihm etwas gab, sondern weil ich ihm nichts vorgab.
Was ich in solchen Momenten mache, ist selten klassisch therapeutisch. Ich habe ihn gefragt: Wie siehst du das denn? Macht dir das Angst? Und dann habe ich ihm erzählt, was ich selbst glaube – nicht als Antwort, sondern als eine Möglichkeit unter vielen. Dass mir die Vorstellung, das Herz hört auf, das Gehirn fährt herunter, und dann ist nichts mehr, selbst schwer erträglich vorkommt. Dass ich für mich entschieden habe, kein festes Bild zu brauchen – kein Paradies, keine wartenden Eltern, keine Engel. Sondern die Annahme, dass Raum und Zeit aufhören und etwas anderes kommt. Vielleicht eine Form von Bewusstsein.
Ich glaube, die Angst, die dahintersteckt, ähnelt der Angst vor Demenz: nicht mehr zu wissen, wer man ist. Menschen nicht mehr zu erkennen. Das klare Denken zu verlieren. Was passiert mit allem, was in mir ist – ist es einfach beendet? Ich sage dann oft: In der Natur ist nichts einfach beendet. Selbst wenn alles verbrannt ist, wächst aus der Asche wieder ein Garten. Nichts verschwindet im Universum vollständig – das ist nicht nur ein tröstlicher Gedanke, das ist auch physikalisch so. Es sind keine klaren Antworten. Aber es sind ehrliche.
Was mich dabei selbst am meisten beschäftigt, ist eine Frage, die ich mir als Therapeut eigentlich viel öfter stellen müsste, als ich es tue: Was ist eigentlich Wahrheit, in einem Moment wie diesem? Ich bin ausgebildet worden, mit Fakten zu arbeiten, mit dem, was sich belegen lässt. Aber am Sterbebett zählt eine andere Art von Wahrheit – die, die trägt. Nicht die, die sich beweisen lässt, sondern die, die einen Menschen durch die Nacht bringt. Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis aus all diesen Jahren: Wahrheit ist am Lebensende weniger eine Frage der Fakten als eine Frage der Tragfähigkeit. Was hält, ist wahr genug. Das ist eine Aussage, die ich in keinem Lehrbuch der Medizin oder Psychologie so gelesen habe, aber sie ist die, die sich mir am Bett immer wieder bestätigt.
Andere, ältere Menschen haben mir das Gegenteil erzählt: ein Leben lang habe ich Gott verneint, aber gerade jetzt würde es mich beruhigen, diesen Glauben zu haben. Gerade jetzt tröstet mich, dass die Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten an etwas Größeres glaubt. Das kann keine globale Illusion sein. Dafür sind es zu viele.
Viele Wege dorthin
Was mir in dieser Arbeit begegnet, ist selten eindeutig religiös im klassischen Sinn. Der Naturglaube – manche würden sagen Naturreligion – begegnet mir auffällig oft. Schon in meiner Krankenpflegeausbildung, Ende der Neunziger, erzählte mir jemand, dass er seinen Körper nach dem Tod der Natur zurückgeben wolle. Ich erinnere mich besonders an einen Menschen parsischer Herkunft, der mir von der Tradition seines Glaubens erzählte: der Leichnam wird Geiern auf einem Berg übergeben, damit alles in der Natur bleibt und die Seele gereinigt wird. Das hat mich sehr bewegt. Jahre später las ich im Roman „Der Medicus“ eine ganz ähnliche Sterbeszene wieder – ohne dass ich danach gesucht hätte. Solche Zufälle häufen sich in diesem Beruf mehr, als es der Statistik nach sollte. Vielleicht, weil man anfängt, genauer hinzusehen. Vielleicht auch, weil manche Bilder einfach universell genug sind, dass sie in jeder Kultur, jeder Geschichte wieder auftauchen, weil sie etwas Grundmenschliches treffen.
Die eigentliche Frage dahinter ist immer dieselbe: Gibt es so etwas wie eine Seele? Etwas, das sich nicht physikalisch messen, nicht neurologisch erklären lässt? Wissen werden wir es wahrscheinlich erst hinterher – wenn es ein Hinterher gibt. Ich für meinen Teil glaube daran. Nicht an ein Ende, sondern an einen Übergang.
Das ist auch das, was mich an dieser Arbeit am meisten überrascht: Menschen fürchten selten den Tod selbst. Sie fürchten das Leiden davor, das Unwürdige, das Kontrollverlorene. Ist dieser Teil überstanden, kämpfen viele plötzlich um jeden weiteren Moment – nicht aus Angst vor dem, was kommt, sondern weil das, was gerade ist, noch nicht zu Ende sein soll. Ich habe gelernt, dieses scheinbare Paradox nicht aufzulösen, sondern stehen zu lassen: Ein Mensch kann in derselben Stunde sagen, ich bin bereit, und gleichzeitig um jede weitere Minute kämpfen. Beides ist wahr. Das ist keine Inkonsequenz. Das ist, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, bis zuletzt.
Warum ich bete, ohne zu glauben
Ich bin in einem evangelischen Elternhaus aufgewachsen, in dem Religion nicht praktiziert, aber auch nicht verboten wurde. Meine Eltern brachten mir die klassischen Kindergebete bei, ohne Dogma dahinter. Getauft wurde ich nicht – meine Eltern wollten, dass ich selbst entscheide, woran ich glaube und ob ich dafür eine Kirche brauche.
Ich habe später viele Jahre damit verbracht, mich mit Religionen zu beschäftigen, auch aus schierem Interesse an Bildung. Ich hatte einen jüdischen Schulfreund und lernte über ihn die jüdische Gemeinde in Wuppertal kennen – ihre Riten, ihre Feste haben mich berührt. Kirchen ziehen mich bis heute an. Ich habe eine starke Verbindung zu Jesus, ohne Christ zu sein. Ich gehöre keiner Religion an. Und ich lebe nach der Frage: Was schadet es schon, zu beten? Wenn Patient:innen mich fragen, ob ich mit ihnen bete, kann ich das. Vielleicht nicht laut vorbeten, aber mitgehen kann ich immer.
Ich trage ein Kruzifix um den Hals. Nicht aus religiöser Überzeugung, sondern weil es sich für mich richtig anfühlt – als Erinnerung daran, zu welchen Extremen Menschen fähig sind, im Guten wie im Schlechten. Der Mann am Kreuz starb auch als Zeichen: So ist ein Weg, aber keiner, den die Menschheit anstreben sollte. Das lässt sich auf vieles übertragen, auf Gewalt, auf Zerstörungskraft. Aber warum sehen wir dabei immer nur das Schlechte? Warum nicht auch das Gute, zu dem wir ebenso fähig sind?
Ich sehe diese Spannbreite fast wöchentlich, aus nächster Nähe. Ich habe Söhne gesehen, die jahrelang keinen Kontakt zu ihrem Vater wollten, und die am Sterbebett plötzlich zu den zärtlichsten Menschen wurden, die ich je erlebt habe. Ich habe aber auch das Gegenteil gesehen: alte Härte, die bis zum letzten Atemzug nicht weicht, Familien, die sich noch im selben Zimmer anschweigen, in dem gerade jemand geht. Beides ist menschlich. Beides gehört zu dem, was wir sind, wenn nichts mehr zu verlieren ist außer der Zeit, die noch bleibt. Vielleicht ist das die ehrlichste Definition von Menschsein, die ich kenne: die Fähigkeit zu beidem, gleichzeitig, oft in derselben Person, manchmal in derselben Stunde.
Ob es einen Gott gibt, eine Seele, ein Bewusstsein danach – ich weiß es nicht, und ich behaupte auch nicht, es zu wissen. Aber ich habe für mich entschieden: Solange ein Glaube trägt und stabilisiert, ist es nicht meine Aufgabe, ihn infrage zu stellen. Bei einem Menschen, der ein Leben gelebt hat und jetzt am Ende dieses Lebens steht, sehe ich dafür praktisch keine Grenze – anders liegt der Fall nur dort, wo es um den Schutz von Kindern geht, wo Glaubensüberzeugungen medizinisch notwendige Behandlungen verhindern würden. Das ist eine andere, eine ethische Frage. Hier, am Lebensende erwachsener Menschen, geht es um etwas anderes: Was trägt diesen Menschen jetzt? Und wie kann ich das respektieren, ohne es selbst glauben zu müssen?
Vielleicht ist das die eigentliche Antwort, die sich durch alle Gespräche zieht, ob mit Gläubigen oder mit Menschen, die sich ein Leben lang gegen jeden Glauben entschieden haben: Niemand weiß, was kommt. Aber jeder von ihnen lebt, bis es so weit ist. Und genau das ist vielleicht die einzige Antwort, die wirklich trägt.
Woran glaubst du, wenn du an das denkst, was nach dir kommt? Und würde es dich mehr beruhigen oder mehr ängstigen, es genau zu wissen?
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