Seelenlatein – Wenn Therapiesprache zur Waffe wird

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Auftakt der neuen Reihe

Wieso denn jetzt Seelenlatein?

Ein neuer Kollege übernimmt eine Führungsposition. Schnell, direkt, ungeduldig mit Umwegen. Nach der ersten Woche macht im Team ein Satz die Runde: „Der ist doch total manisch.“

Ist er nicht. Und das ist keine Nuance, die man beiseiteschieben kann. Eine manische Episode mit psychotischen Merkmalen – die schwerste Ausprägung dieses Zustands – geht mit Größenwahn einher, der sich bis in echte Wahnvorstellungen steigern kann, mit einem Antrieb, der bis zur Gewalttätigkeit reichen kann, mit einem vollständigen Verlust der Fähigkeit, sich selbst und andere realistisch einzuschätzen. Menschen in einer solchen Episode werden in aller Regel nicht befördert. Sie werden behandelt, oft stationär, manchmal gegen ihren Willen, weil sie sich selbst gefährden. Der neue Kollege säße nicht in seinem ersten Meeting, wenn er das wäre, was das Team ihm da zuschreibt. Er wäre gar nicht hier.

Das ist der Punkt, an dem ich ansetzen will: nicht bei der Unfreundlichkeit dieses einen Satzes, sondern bei der Distanz zwischen dem, was das Wort tatsächlich bedeutet, und dem, wofür es beiläufig benutzt wird.

Ein Begriff, den jeder kennt – und kaum jemand richtig

Es gibt einen zweiten Zustand, der einen ähnlichen Effekt hat, sobald man ihn genauer beschreibt: der dissoziative Stupor. Ein Mensch in diesem Zustand bewegt sich nicht mehr, reagiert nicht mehr auf Ansprache, auf Licht, auf Berührung – ohne dass eine körperliche Ursache dahintersteckt. Das ist keine Redewendung für einen Menschen, der gerade „wie erstarrt“ auf eine schlechte Nachricht reagiert. Das ist ein psychiatrischer Ausnahmezustand, in dem jemand für Stunden vollständig aus dem Kontakt mit der Welt heraustritt.

Ich nenne diese beiden Zustände bewusst zuerst, bevor ich zu den Begriffen komme, die im Alltag inflationär kursieren – Trigger, Narzisst, toxisch, Grenzen. Denn genau dieser Kontrast ist der Kern dessen, worum es in dieser Reihe geht: Auf der einen Seite Zustände, die so schwer sind, dass sie ein Leben aus den Angeln heben. Auf der anderen Seite dieselbe Sprache, verwendet für einen Kollegen, der einfach nur schnell ist.

Diagnose oder Charakter?

Bei ADHS erlebe ich diese Verwischung am häufigsten, und am ambivalentesten. Ich erinnere mich an eine Teambesprechung, viele Jahre zurück, in der wir alle über einen Patienten sagten: typischer Fall, kriegt sich einfach nicht müde – aber motorisch komplett entspannt, eigentlich wirkt das eher autistisch. Heute würden manche das ADHS nennen. Andere würden sagen: Das ist einfach eine Persönlichkeitsstruktur. Ein Charakterzug, kein Störungsbild.

Genau darin liegt die eigentliche Schwierigkeit, mit der ich in dieser Reihe ringen will: Wir wissen streckenweise selbst als Fachleute nicht mehr genau, wo die Diagnose aufhört und die Persönlichkeit anfängt. Das ist kein Nebenschauplatz für mich. Ich habe selbst einen familiär bedingten, im nahen Umfeld verankerten Kontakt zur Thematik ADHS beziehungsweise, wie es früher hieß, zum Hyperaktivitätssyndrom, und zur Ritalin-Behandlung, die daraus folgte. Ich habe gesehen, was es bedeutet, wenn eine frühe Diagnose ein Kind in eine Schublade legt, aus der es nie wieder richtig herausgefunden hat – ohne die Förderung, die eigentlich hätte folgen müssen. Das ist eine Wunde, die ich mit mir trage, wenn ich über dieses Thema schreibe. Und trotzdem sehe ich, in meiner eigenen therapeutischen Praxis, auch das Gegenteil: Erwachsene, die nach Jahren der Unklarheit endlich eine ADHS-Diagnose bekommen und danach spürbar ruhiger werden. Nicht, weil die Diagnose sie festlegt – sondern weil sie ihnen etwas zum Festhalten gibt. Etwas, das reguliert, stabilisiert, einordnet. Dieselbe Buchstabenfolge, zwei völlig gegensätzliche Wirkungen, je nachdem, wer sie wie benutzt.

Ein Wort ohne festen Wohnsitz

Beim Wort Narzissmus erlebe ich das genaue Gegenteil dieser stabilisierenden Wirkung. Ich bin dem Begriff zum ersten Mal ernsthaft in einer Yogagruppe begegnet, in einer Debatte über toxische Männer, die nahtlos in eine Debatte über Narzissten überging. Zur gleichen Zeit verfolgte ich fachlich die Diskussion darüber, wie diese Störung überhaupt klassifiziert werden sollte – und das hat mich, ehrlich gesagt, auf beiden Seiten irritiert.

Denn hier kommt etwas Kurioses ins Spiel, das die wenigsten wissen, die den Begriff im Streit benutzen: Narzisstische Persönlichkeitsstörung ist keine stabile, unumstrittene Diagnose. In der ICD-10, die in Deutschland bis heute rechtsverbindlich ist, taucht sie gar nicht als eigene Kategorie auf – sie läuft unter F60.8, „Sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen“, einer Restkategorie, die im Haupttext nicht einmal näher beschrieben wird. Nur ein Forschungsanhang liefert Kriterien, fast wortgleich vom amerikanischen DSM übernommen. Und in der ICD-11, die international längst gilt und in Deutschland schrittweise eingeführt wird, verschwindet die Diagnose als benannte Kategorie komplett. Alle kategorialen Persönlichkeitsstörungen wurden dort abgeschafft, bis auf eine einzige Ausnahme – Borderline bleibt erhalten. Was übrig bleibt, sind Schweregrade und Persönlichkeitsmerkmal-Domänen wie „Dissozialität“ oder „Negative Affektivität“.

Mit anderen Worten: Der Begriff, den Social Media benutzt, als wäre er die eindeutigste, unstrittigste Diagnose überhaupt, ist in einem der beiden großen Klassifikationssysteme eine unbeschriebene Restkategorie – und wird im anderen gerade vollständig gestrichen. Die Wissenschaft ist sich selbst nicht einig, ob das eine trennscharfe Störung oder eher eine Ausprägung menschlicher Persönlichkeitsmerkmale ist, die jeder von uns in unterschiedlicher Stärke in sich trägt. Genau diese Unsicherheit macht das Wort im Alltag so gefährlich – nicht, weil es zu präzise ist, sondern weil es das Gegenteil von präzise ist, und trotzdem mit der vollen Autorität einer Diagnose auftritt.

Ich will nicht so tun, als stünde ich über der Sache. Ich ertappe mich selbst dabei, ungenau zu sprechen – über Menschen, deren Verhalten mich wütend macht, sage ich manchmal Dinge wie: Bei dem ist doch sowieso alles irgendwie hirnorganisch. Wir sind doch alle ein bisschen gestört, oder? Auch das ist Verflachung. Auch ich bediene mich an dem Sprachschatz, den ich hier eigentlich kritisiere.

Die zweite Welle

Was mich an dieser Reihe wirklich interessiert, ist nicht nur, dass therapeutische Sprache in den Alltag eingesickert ist. Das ist längst benannt – der systemische Kollege Lukas Mähr hat dazu 2025 ein ganzes Buch geschrieben, „Trigger, Trauma, toxisch“, direkt aus unserem eigenen Feld. Eine Studie der Universität Witten/Herdecke hat 177 deutschsprachige TikTok-Videos zu ADHS, Depression, Autismus, Narzissmus und PTBS untersucht, mit zusammen 94 Millionen Aufrufen – nur rund jedes fünfte Video vermittelte fachlich korrekte Inhalte. Über 70 Prozent der Jugendlichen nutzen soziale Medien inzwischen zur Selbstdiagnose. Das alles ist bekannt, mehrfach beschrieben, gut belegt.

Was mich stattdessen beschäftigt, ist eine Verschiebung innerhalb dieses Phänomens selbst – eine Art zweite Welle, ähnlich wie bei den industriellen Revolutionen, wo die Technik nicht die Ursache der gesellschaftlichen Verschiebung war, sondern ihr Beschleuniger. Die erste Welle der Therapiesprache im Alltag war vor allem zuordnend. Menschen benutzten Begriffe, um sich selbst zu verorten, um eine Grenze zu ziehen, um zu sagen: So bin ich, das brauche ich, das kann ich nicht mehr leisten. Eine Grenze in diesem Sinn beschreibt, was ich selbst tue oder lasse.

Die zweite Welle, die ich zunehmend beobachte, ist etwas anderes: eine Anspruchserhebung. Aus „ich setze eine Grenze“ wird „es ist meine Grenze, dass du dieses Thema nicht ansprichst“ – nicht mehr eine Aussage über mich, sondern eine Forderung an einen anderen Menschen, verpackt in die geliehene Autorität eines Therapiebegriffs. Aus „das triggert mich“ wird eine Waffe gegen jede unbequeme Kritik. Aus „der ist toxisch“ wird ein Freibrief, ein Gespräch nicht führen zu müssen. Soziale Medien haben diese Verschiebung nicht erfunden. Aber sie haben sie beschleunigt, skaliert, alltäglich gemacht.

Darum soll es in dieser Reihe gehen: um einzelne Begriffe, die diese Reise gemacht haben – vom Fachbegriff zur Waffe, von der Selbstbeschreibung zur Forderung. Trigger. Narzisst. Grenzen setzen. Bindungsstil. Und um die Frage, was wir verlieren, wenn wir das nicht mehr auseinanderhalten können.

Ich merke selbst, wie fachlich dieser Text streckenweise geworden ist – mit Aktenzeichen, Klassifikationssystemen, Prozentzahlen. Das war nötig, weil unter meinen Leser:innen auch Ärztinnen, Psychiater, Juristinnen sind, die es zu Recht genau wissen wollen. Aber ich will nicht, dass aus dieser Reihe eine Vorlesung wird, in der ich Begriffe seziere wie ein Präparat unterm Mikroskop.

Mich interessiert nicht der Begriff an sich. Mich interessiert, was mit uns passiert, wenn wir ihn benutzen. Was es mit einer Familie macht, wenn ein Sohn seinen Vater beim Sonntagskaffee als narzisstisch abstempelt, statt einfach zu sagen: Du hörst mir nie zu. Was es mit einem Team macht, wenn Erschöpfung plötzlich Burnout heißt, weil das leichter auszusprechen ist als: Ich schaffe das hier nicht mehr allein.

Das ist der eigentliche Grund, warum ich diese Reihe schreibe. Nicht, um Diagnosen zu verteidigen. Sondern um eine Sprache zurückzugewinnen, die genau genug ist, um wirklich zu meinen, was sie sagt.

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