Selbstoptimierung – Warum es sich oft richtig anfühlt

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Teil 6 der Reihe „Selbstoptimierung oder Wahn?"

In den bisherigen Teilen ging es um Strukturen. Um Vergleich, Sichtbarkeit und die Logik eines Systems, das auf permanente Steigerung angelegt ist. Und darum, warum es unter diesen Bedingungen so naheliegt, sich selbst zum Projekt zu machen.

Das erklärt, warum Selbstoptimierung entsteht.

Es erklärt noch nicht, warum sie bleibt.

Denn sie bleibt nicht einfach bestehen, obwohl sie Druck erzeugt. Sie bleibt, weil sie sich in vielen Momenten richtig anfühlt.

Und genau das macht sie so schwer zu hinterfragen.

1. Kontrolle – und was sie ersetzt

Wahrscheinlich kennt das jeder Mensch.

Man funktioniert, man macht weiter, man erledigt, was ansteht – aber irgendwie ist da eine Unruhe, eine Spannung, die sich nicht richtig greifen lässt. Und die auch nicht einfach wieder verschwindet.

Und dann passiert etwas. Der Fokus verschiebt sich.

Plötzlich rückt das in den Vordergrund, was ich greifen kann. Das, was ich beeinflussen kann. Ernährung, Training, Struktur, Tagesabläufe, Verhalten, Routinen, Rituale – alles, was ich anfassen und verändern kann.

Nicht unbedingt, weil diese Dinge das eigentliche Problem lösen könnten, sondern weil sie reagieren.

Ich tue etwas – und bekomme eine Rückmeldung, eine Resonanz; es regt sich etwas in mir, und ich spüre: Ich kann eingreifen.

Das hat eine Wirkung.

Ich erlebe das in der Praxis immer wieder: Menschen kommen mit einer diffusen Überforderung, mit etwas, das sich nicht richtig einordnen lässt – und entwickeln sehr schnell eine klare Orientierung, sobald es um konkrete Dinge geht. Trainingspläne. Ernährung. Struktur. Da ist plötzlich Klarheit.

Diese Klarheit folgt jedoch einer eigenen Logik.

Sie entsteht nicht dort, wo das Problem liegt. Sondern dort, wo ich handeln kann.

Selbstoptimierung löst das Problem nicht. Sie verschiebt meinen Fokus – auf etwas, das ich beeinflussen kann.

Das ist zunächst kein Fehler. Im Gegenteil – aus einer stoischen Perspektive ist es sinnvoll, sich auf das zu konzentrieren, was im eigenen Einflussbereich liegt. Aus einer anderen Perspektive wird jedoch etwas sichtbar: Wenn ich beginne, ein Problem zu lösen, indem ich meinen Fokus verschiebe, entferne ich mich unter Umständen genau von dem, worum es eigentlich geht.

Das ist nicht sofort problematisch. Es wird es erst dann, wenn dieser Mechanismus dauerhaft an die Stelle von Selbstbeobachtung tritt.

Der Versuch, ein Problem zu lösen, ist oft Teil des Problems.

2. Fortschritt – und woran er bindet

Fortschritt hat eine eigene Qualität.

Er fühlt sich nicht erst dann gut an, wenn ein Ziel erreicht ist, sondern vor allem während der Bewegung dorthin – also im Prozess, im Entstehen, im Moment der Entwicklung. Das lässt sich auch wissenschaftlich gut beschreiben: Nicht das Erreichen eines Zustands stabilisiert am stärksten, sondern die Erwartung und die Bewegung selbst.¹

Das erklärt, warum Stillstand so schwer auszuhalten ist.

Was gestern noch ein Ziel war, wird heute zur Ausgangsbasis. Nicht, weil ich das bewusst entscheide, sondern weil sich der Maßstab verschiebt, während ich mich bewege.

Fortschritt beruhigt nicht dadurch, dass etwas abgeschlossen ist, sondern dadurch, dass sich etwas weiter bewegt.

Und genau darin liegt die Bindung.

Wenn ich mich über Entwicklung stabilisiere, verliere ich diese Stabilität nicht erst dann, wenn ich scheitere, sondern bereits dann, wenn die Bewegung ausbleibt. Dann entsteht Unruhe. Nicht unbedingt, weil etwas fehlt – sondern weil etwas wegfällt, das mich getragen hat.

An diesem Punkt wird Selbstoptimierung mehr als ein Verhalten. Sie wird zu einem Prozess, an den ich gebunden bin.

3. Struktur und Identität – Ordnung als Preis

Selbstoptimierung schafft Ordnung.

Routinen, Pläne, Regeln – sie reduzieren die Anzahl offener Entscheidungen und damit auch die Notwendigkeit, sich ständig neu auszurichten. Das entlastet. Gerade dann, wenn vieles gleichzeitig unklar ist.

Ich weiß, was ich esse. Ich weiß, wann ich trainiere. Ich weiß, wie mein Tag aussieht. Das gibt Halt.

Diese Entlastung hat jedoch einen Preis. Was leiser wird, ist nicht nur die Überforderung. Es wird auch das leiser, was sich nicht sofort einordnen lässt – die Fragen, die nicht klar sind, die Themen, die keine Struktur haben, die Dinge, die sich nicht in einen Plan bringen lassen. Und oft sind es genau diese Bereiche, die entscheidend wären.

Das Geschlossene verdrängt das Offene. Nicht, weil es gelöst wäre, sondern weil es keinen Raum mehr bekommt.

Gleichzeitig entsteht etwas anderes: eine klare Erzählung. Ich arbeite an mir. Ich entwickle mich. Ich bin diszipliniert. Ich bin auf dem Weg. Das ist anschlussfähig, sichtbar, sozial lesbar. In einer Zeit, in der viele andere Orientierungspunkte brüchig geworden sind – Rollenbilder, Biografien, klare Lebensverläufe – übernimmt diese Erzählung eine stabilisierende Funktion.

Eine Identität, die sich über Bewegung definiert, hat jedoch eine Grenze: Sie kann keinen Stillstand integrieren. Nicht weil Stillstand falsch wäre. Sondern weil er nicht mehr in die eigene Geschichte passt.

4. Warum das funktioniert – und warum genau das das Problem ist

Selbstoptimierung funktioniert. Sie gibt das Gefühl von Kontrolle, gibt Richtung, gibt Struktur und eine Form von Halt. Das ist nicht eingebildet. Das ist real.

Und genau deshalb ist sie so stabil.

Ich frage an dieser Stelle manchmal: Was würde fehlen, wenn du damit aufhörst? Nicht als Provokation. Sondern weil diese Frage oft schneller zum Kern führt als jede Diskussion darüber, ob etwas „zu viel“ ist.

Denn solange Selbstoptimierung nicht nur ein Ziel verfolgt, sondern gleichzeitig etwas trägt – Unsicherheit abfedert, Orientierung schafft, ein Gefühl von Einfluss ermöglicht –, bleibt sie notwendig.

Das ist nicht logisch – jedenfalls nicht, wenn man davon ausgeht, dass es hier um Lösung geht.

Was hier wirkt, ist funktional. Es funktioniert. Und damit verschiebt sich auch die eigentliche Frage: nicht mehr, wie viel Selbstoptimierung gesund ist. Sondern wofür sie steht. Und was sie aufrechterhält.

Selbstoptimierung, so wie wir sie hier betrachten, löst kein Problem. Sie stabilisiert es.

Das ist keine bequeme Perspektive. Aber sie ist näher an dem, was sich beobachten lässt.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem es interessant wird.

Einzelne Gedanken aus diesem Text werden im Instagram-Format „Gedanken zur Zeit“ weitergeführt – in verdichteter Form, als Beobachtungen und Fragen, nicht als Wiederholung.

Quellen

¹ Schultz, W. (2015). Neuronal reward and decision signals: From theories to data. Physiological Reviews, 95(3), 853–951.

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