Epilog zur Reihe „Selbstoptimierung oder Wahn?"
Als ich den ersten Teil dieser Reihe geschrieben habe, dachte ich, ich würde über Selbstoptimierung schreiben.
Heute glaube ich, dass ich mich geirrt habe. Nicht, weil die Gedanken falsch waren. Sondern weil ich erst beim Schreiben gemerkt habe, worauf sie eigentlich zeigen. Selbstoptimierung war der Einstieg. Aber sie war nie das eigentliche Thema. Sie war das, was sichtbar wird, wenn man lange genug auf eine bestimmte Art des Lebens schaut — und irgendwann anfängt zu fragen, was darunter liegt.
Diese Frage habe ich mir lange nicht gestellt. Nicht weil ich sie nicht kannte. Sondern weil ich beschäftigt war. Mit Training, mit Entwicklung, mit dem nächsten Schritt, dem nächsten Ziel, der nächsten Version von mir, die besser, klarer, tragfähiger sein sollte als die vorige.
Ich kenne diesen Antrieb sehr gut. Er hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.
Was ich über mich gelernt habe — spät, aber nicht zu spät
Ich war lange Zeit jemand, der sehr konsequent an sich gearbeitet hat. Training, Ernährung, Struktur, Weiterbildung, Persönlichkeitsentwicklung — ich habe fast alles davon durchlaufen, was dieser Markt anzubieten hatte. Manche Phasen waren intensiv. Manche haben mich in Richtungen gezogen, die ich heute nur noch mit einer gewissen milden Verwunderung betrachte.
Was ich damals nicht sah, habe ich erst viel später verstanden.
Ich habe mich nicht optimiert, um besser zu werden. Ich habe mich optimiert, um etwas zu bekommen, das ich anders nicht zu bekommen glaubte. Anerkennung. Zuneigung. Nähe. Das Gefühl, gesehen zu werden — nicht trotz allem, sondern wegen etwas.
Hinter meinem Übergewichtsthema, das mich jahrelang begleitet hat, steckte nicht der Wunsch nach Gesundheit. Es steckte die Angst vor Ablehnung. Hinter meinem Ausflug in die Persönlichkeitsentwicklungsszene, der intensiver war als ich das manchmal zugebe, steckte nicht der Wunsch nach Wachstum. Es steckte der Wunsch nach Unabhängigkeit — von Urteilen, von Erwartungen, von dem, was andere aus mir machen wollten.
Das ist keine Selbstankläge. Es ist eine Beobachtung. Und sie hat eine gewisse Ironie, die ich erst mit der Zeit zu schätzen gelernt habe.
Denn dieser Antrieb — dieses manchmal fast verzweifelte Bedürfnis, etwas zu werden, das anerkannt, geliebt, gesehen wird — hat mich tatsächlich irgendwohin gebracht. Er hat mich zum Fitnesstrainer gemacht. Dann zum Körpertherapeuten. Er hat mich in die Selbstständigkeit getrieben, in die Verantwortung für ein eigenes Unternehmen, in Begegnungen mit Menschen, die ich ohne diesen Weg nie getroffen hätte. Er hat mich schließlich zum Therapeuten gemacht.
Der Weg war also nicht falsch.
Er war nur nicht der Weg, für den ich ihn gehalten habe.
Frei nach Heinz Erhardt: Die Erkenntnis kommt viel hinterherer.
Was Menschen wirklich mitbringen
Menschen kommen nicht zu mir, weil sie trainieren. Sie kommen nicht zu mir, weil sie diszipliniert sind. Sie kommen nicht einmal zu mir, weil sie sich optimieren.
Sie kommen, weil sie erschöpft sind. Weil sie sich verlaufen haben. Weil sie funktionieren — und trotzdem das Gefühl haben, sich selbst irgendwo auf dem Weg verloren zu haben.
Manchmal erzählen sie mir von ihrem Beruf, von ihrer Beziehung, von ihrem Schlaf, von ihrem Training, von ihrer Ernährung, von ihrer Produktivität. Ich höre das alles. Und gleichzeitig höre ich etwas anderes.
Ich höre den Versuch, mit etwas fertig zu werden, das sich nicht einfach lösen lässt. Nicht durch mehr Disziplin. Nicht durch bessere Routinen. Nicht durch ein neues Protokoll.
In dreißig Jahren im Gesundheitswesen habe ich keinen einzigen Menschen getroffen, dessen eigentliches Problem Selbstoptimierung war. Ich habe viele Menschen getroffen, deren Antwort auf ihr eigentliches Problem Selbstoptimierung war.
Das ist ein kleiner Unterschied.
Aber er verändert alles.
Was ich heute anders sehe
Ich glaube nicht mehr, dass Selbstoptimierung das Problem ist. Ich glaube, sie ist oft der Versuch, mit einem Problem zu leben. Manchmal gelingt das erstaunlich gut. Manchmal sogar über Jahre.
Das macht diese Bewegung nicht falsch.
Aber es macht sie auch nicht zur Antwort.
Vielleicht liegt genau hier ein Missverständnis unserer Zeit. Wir sprechen ständig darüber, wie wir leben wollen — gesünder, produktiver, resilienter, effizienter, achtsamer. Das Wie hat eine eigene Industrie hervorgebracht, eine eigene Sprache, eine eigene Moral. Wer sich nicht optimiert, hat irgendwie aufgehört, an sich zu arbeiten. Wer aufgehört hat, an sich zu arbeiten, hat irgendwie aufgehört, ernst genommen zu werden.
Wir sprechen erstaunlich selten darüber, warum wir überhaupt so leben wollen. Oder für wen.
Diese Frage klingt einfach. Sie ist es nicht. Ich habe sie Menschen gestellt, die jahrelang konsequenter trainiert haben als die meisten, die ich kenne — und die bei dieser Frage ins Stocken geraten sind. Nicht weil sie die Antwort nicht kennen. Sondern weil sie sich lange nicht erlaubt haben, sie zu stellen.
Dabei verändert genau diese Verschiebung fast alles.
Die Frage ist nicht mehr: Wie behandle ich meinen Körper?
Sie lautet: Was versuche ich durch meinen Körper zu lösen?
Die Frage ist nicht mehr: Wie diszipliniert bin ich?
Sie lautet: Was würde passieren, wenn ich diese Disziplin für einen Moment nicht bräuchte?
Die Frage ist nicht mehr: Wie optimiere ich mein Leben?
Sie lautet: Wessen Leben optimiere ich eigentlich?
Radikal — zur Wurzel
Das lateinische Wort radix bedeutet Wurzel.
Radikal ist im deutschen Sprachgebrauch zu einem politischen Reizwort geworden — zu etwas Extremem, Gefährlichem, Unkontrollierbarem. Dabei meint es ursprünglich nur: bis zur Wurzel. An den Anfang. An den Kern der Sache.
Ich glaube, radikal leben hat nichts mit Konsequenz zu tun. Nichts mit Kompromisslosigkeit. Nichts mit dem Mut, alles hinzuschmeißen und neu anzufangen.
Radikal leben bedeutet für mich: die Bereitschaft, den Punkt zu suchen, von dem aus das eigene Leben seine Richtung bekommt. Nicht von außen. Nicht durch Erwartungen. Nicht durch Vergleich. Nicht durch das, was eine Gesellschaft, die auf permanente Steigerung ausgerichtet ist, als erstrebenswert definiert.
Sondern von innen.
Das ist kein Zustand. Ich kenne jedenfalls keinen Menschen, der dort dauerhaft angekommen wäre — ich eingeschlossen. Ich kenne diesen Punkt aus Momenten. Aus Augenblicken, in denen ich gemerkt habe: Das hier ist meins. Das tue ich, weil ich es will. Nicht weil ich etwas beweisen muss. Nicht weil jemand zuschaut. Nicht weil es sich gut macht.
Diese Momente sind selten. Aber sie sind unverwechselbar.
Und vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich diese Reihe geschrieben habe. Nicht um Selbstoptimierung schlechtzureden — das wäre einfach gewesen und falsch. Sondern um den Unterschied beschreibbar zu machen zwischen einer Bewegung, die aus diesem inneren Punkt kommt, und einer Bewegung, die ihn sucht, ohne zu wissen, wonach sie sucht.
Was bleibt
Wenn mir aus diesen acht Texten — und aus dreißig Jahren Arbeit mit Menschen, mit Körpern, mit Geschichten, die alle irgendwie von demselben handeln — ein Gedanke geblieben ist, dann vielleicht dieser:
Der Versuch, ein Problem zu lösen, ist manchmal Teil des Problems.
Nicht immer. Aber oft genug, um einen Moment innezuhalten.
Nicht um aufzuhören. Nicht um alles in Frage zu stellen. Sondern um zu fragen: Was tue ich hier eigentlich? Für wen? Aus welchem Antrieb? Und was würde ich wahrnehmen, wenn ich kurz aufhörte, diesen Antrieb zu bedienen?
Ich habe diese Fragen lange nicht gestellt. Ich habe stattdessen trainiert, geplant, optimiert, entwickelt. Ich habe viel erreicht dabei. Und ich habe dabei manchmal sehr lange gebraucht, um zu merken, dass ich gar nicht wusste, wohin ich eigentlich wollte.
Das ist nicht tragisch. Es ist menschlich. Das Streben nach etwas — vielleicht sogar das Streben nach Glück — ist in uns angelegt. Schlussendlich ist es doch nichts anderes als die Aufforderung, das Leben wertzuschätzen und eine Haltung dazu zu entwickeln.
Was mich heute interessiert, ist nicht mehr die Frage, wie ich mein Leben verbessere.
Was mich interessiert, ist die Frage, ob ich mein Leben überhaupt bemerke — so wie es ist, jetzt, in diesem Moment, mit allem, was daran unfertig und ungelöst und manchmal unbequem ist.
Das ist keine Ankunft. Es ist eine Richtung.
Und vielleicht ist genau das gemeint, wenn ich sage: radikal leben.
Diese Reihe wäre nicht entstanden ohne Menschen, die mich auf verschiedenen Etappen dieses Weges begleitet haben.
Sabine Zasche und Beate Pickshaus — ich nenne sie meine Professorinnen, weil kein anderes Wort besser trifft, was sie für mich waren. Als Lehrtherapeutinnen in Körpertherapie und Systemischer Psychotherapie haben sie mir nicht nur Methoden beigebracht. Sie haben mir gezeigt, wie man wirklich hinschaut.
Meinen Klient:innen, die mir in dreißig Jahren mehr über menschliches Streben beigebracht haben als jedes Buch.
Und Paul — ohne ihn wären diese Texte in dieser Form nicht entstanden.
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