Selbstoptimierung – Und dann?

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Teil 7 der Reihe „Selbstoptimierung oder Wahn?"

Bis hierhin ließ sich vieles erklären. Strukturen, Mechanismen, warum Selbstoptimierung entsteht, warum sie sich richtig anfühlt, warum sie stabilisiert.

Das trägt.

Ich schreibe diesen Text, während ich selbst genau das erlebe. Eine Erkältung, nichts Dramatisches — aber seit drei Tagen kein Training. Und der erste Gedanke, jeden Morgen aufs Neue: Verdammt, jetzt schon wieder. Dabei wollte ich doch gerade.

Das ist keine elegante Erkenntnis. Es ist Ärger. Unmittelbar, kleinlich, ehrlich.

Und dann fällt etwas weg. Nicht unbedingt bewusst, nicht als Entscheidung — eher als Moment. Ein Tag, an dem die Struktur nicht greift. Ein Training, das ausfällt. Ein Plan, der nicht eingehalten wird. Oder einfach eine kurze Pause dazwischen.

Und plötzlich ist da etwas, das vorher nicht da war. Nicht neu. Aber ungefiltert.

Was sichtbar wird, wenn die Struktur wegfällt

Solange Selbstoptimierung funktioniert, liegt etwas darüber — Struktur, Bewegung, Richtung. Das reicht oft aus, um nicht genauer hinsehen zu müssen.

Wenn das wegfällt, entsteht keine sofortige Klarheit. Es wird eher still. Nicht ruhig. Still.

Und in dieser Stille wird etwas hörbar, das vorher überlagert war: Gedanken, die nicht greifen. Gefühle, die keine klare Form haben. Eine Spannung, die sich nicht sofort einordnen lässt.

Das ist kein neues Problem. Es ist das, was die ganze Zeit da war.

Ich erinnere mich an einen Mann, Anfang fünfzig, der wegen einer Schulteroperation acht Wochen nicht trainieren konnte. Kein Kraftraum, kein Lauftraining, nichts, was er sonst täglich tat. Er kam in diesen Wochen mehrmals zu mir — nicht wegen der Schulter. Er saß da, sehr aufrecht, sehr kontrolliert, und sagte beim zweiten Termin einen Satz, den ich seitdem oft denke: „Ich weiß plötzlich nicht mehr, wer ich bin, wenn ich nichts leiste.“ Es war kein dramatischer Satz. Er sagte ihn beinahe sachlich, wie eine Beobachtung über das Wetter. Aber genau diese Sachlichkeit war es, die mich aufhorchen ließ. Als hätte er gerade erst gemerkt, dass diese Frage die ganze Zeit unter der Struktur gelegen hatte — nur ohne dass sie laut werden konnte, solange die Struktur funktionierte.

Acht Wochen lang trug ihn nichts. Und in diesen acht Wochen tauchte mehr auf als in den Jahren des Trainings davor.

Dabei ist dieses Schweben kein Zeichen, dass etwas fehlt. Es ist ein Zeichen, dass etwas da ist — und dass es bisher keinen Raum hatte.

Was der Körper zuerst merkt

Ohne Bewegung fehlt nicht nur Aktivität. Es fehlt auch die Richtung — und damit ein Orientierungspunkt, der bisher unbewusst getragen hat.

Der Blick beginnt zu wandern. Der Fokus wird unruhig. Dabei merkt man das oft körperlich zuerst: Es zieht sich zusammen, der Atem verändert sich, die Aufmerksamkeit springt zwischen Dingen hin und her, ohne irgendwo zu landen.

Dieser Zustand ist schwer zu halten — nicht, weil er besonders intensiv wäre, sondern weil er sich nicht klar greifen lässt. Und was sich nicht greifen lässt, erzeugt Druck. Nicht von außen. Von innen.

Hartmut Rosa hat in seiner Soziologie der Weltbeziehung den Begriff der Resonanz geprägt — einen Zustand, in dem etwas uns wirklich berührt, antwortet, mit uns in Beziehung tritt (Rosa, 2016). Resonanz ist dabei das genaue Gegenteil von Verfügbarkeit. Sie lässt sich nicht herstellen, nicht erzwingen, nicht optimieren. Man kann sich ihr höchstens öffnen — oder sie verschließen.

Selbstoptimierung schützt auch davor.

Wer sich strukturiert, bleibt in Bewegung. Wer in Bewegung bleibt, muss nicht stillhalten. Und Stillhalten ist die einzige Bedingung, unter der Resonanz überhaupt entstehen kann — denn was uns wirklich berührt, lässt sich nicht ansteuern wie ein Trainingsziel. Es muss uns finden, während wir nicht ausweichen.

Wer also ständig in Bewegung bleibt, bleibt vielleicht effizient, diszipliniert, sichtbar erfolgreich — aber auch unberührt. Genau dort, wo es eigentlich interessant würde.

Die naheliegende Reaktion — und was sie verrät

An diesem Punkt passiert meist etwas sehr Konkretes: Die Bewegung beginnt wieder.

Ein neuer Plan. Ein neuer Ansatz. Eine neue Struktur. Nicht als bewusste Entscheidung gegen das, was gerade auftaucht — sondern als Reaktion darauf. Selbstoptimierung wird wieder aktiv, weil sie funktioniert. Sie stellt Ordnung her, reduziert Spannung, gibt wieder Richtung.

Und damit verschwindet das, was gerade noch da war.

Das ist nicht falsch. Allerdings zeigt genau dieser Moment etwas, das sich lohnt zu betrachten: Selbstoptimierung ist nicht nur ein Verhalten. Sie ist auch eine Form von Regulation. Sie ordnet, strukturiert, überlagert. Und weil sie das zuverlässig tut, wird sie zur ersten Antwort auf Zustände, die eigentlich keine Antwort brauchen — sondern Raum.

Mein Klient begann in der siebten Woche wieder, leichte Übungen zu machen — gegen ärztlichen Rat, eigentlich noch zu früh. Als ich ihn danach fragte, sagte er: „Ich konnte es einfach nicht mehr aushalten.“ Nicht den Schmerz. Das andere.

Die Frage ist damit nicht, ob man aufhören sollte. Die Frage verschiebt sich: Was passiert in dem Moment, in dem nichts das überdeckt, was gerade da ist? Und wie lange halte ich das aus, ohne es sofort wieder zu verändern?

Der Punkt, an dem es still wird

Drei Tage Erkältung sind kein Achtwochen-Bruch. Aber das Prinzip ist dasselbe, nur kleiner dosiert.

Am ersten Tag war da nur Ärger. Am zweiten Tag wurde aus dem Ärger etwas Diffuseres — eine Unruhe, die sich nicht mehr klar an den Ausfall des Trainings festmachen ließ. Heute, am dritten Tag, ist da etwas, das ich nur schwer benennen kann. Nicht Traurigkeit. Eher eine Frage, die sich bisher nie laut gemeldet hat, weil sie nie Gelegenheit hatte: Wer bin ich eigentlich, wenn gerade nichts von mir verlangt wird — auch nicht von mir selbst?

Das ist keine Krise. Niemand muss sich hier Sorgen machen. Es ist eher eine kleine Verschiebung der Beleuchtung. Als würde im selben Raum, in dem ich jeden Tag sitze, plötzlich das Licht von einer anderen Seite kommen — und Dinge sichtbar machen, die vorher im Schatten lagen, nicht weil sie versteckt waren, sondern weil das gewohnte Licht sie nie erreicht hat.

Der naheliegende Reflex ist, das Licht schnell wieder zurückzustellen. Wieder zu trainieren, sobald es geht. Wieder die alte Beleuchtung herzustellen, unter der alles vertraut aussieht.

Vielleicht liegt der eigentliche Übergang aber nicht in der Entscheidung, etwas anders zu machen, sondern in der Fähigkeit, das andere Licht für eine Weile auszuhalten. Ohne es sofort zu deuten. Ohne es sofort zu nutzen. Ohne es sofort wieder auszuschalten.

Ich frage mich manchmal, ob das eigentlich das Schwierigste ist: nicht die Veränderung, nicht das Aufhören, nicht das Erkennen. Sondern das Bleiben in einem Moment, in dem nichts von dem greift, was sonst trägt — auch dann nicht, wenn man, wie ich gerade, genau darüber schreibt und es trotzdem nicht leichter macht.

Was bleibt, wenn nichts mehr trägt

Es gibt einen Augenblick, kurz bevor man wieder anfängt — sich zu bewegen, zu planen, zu strukturieren —, in dem man noch ganz still ist. Man könnte ihn leicht übersehen. Er dauert selten lange.

Stellen Sie sich einen Moment am späten Nachmittag vor. Das Licht fällt schräg durch ein Fenster, schon etwas matter als noch vor einer Stunde. Jemand sitzt da, ohne etwas zu tun. Kein Telefon, kein Buch, keine Liste im Kopf, die abgearbeitet werden müsste. Nur das Licht, das wandert, und ein Atem, der seinen eigenen Rhythmus findet, ohne dass jemand ihn anleitet.

In diesem Moment ist nichts gelöst. Nichts ist klarer geworden. Es ist nur — ruhig genug, dass etwas auftauchen könnte, wenn es wollte.

Vielleicht kommt es. Vielleicht auch nicht, nicht heute.

Die Tür steht offen. Niemand geht hindurch.

Quellen

¹ Rosa, H. (2016). Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp.

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