Der Sekundenzeiger tickt – Palliativarbeit als Klarheit

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Teil 1 der Reihe „Lebenszeiten – Essays zur Palliativarbeit"

Es sind zwei Jahre nach meinem eigenen Zusammenbruch. Von außen nicht dramatisch – ein Burnout, eine Neurasthenie, wie es die Lehrbücher nennen, wenn sie höflich sein wollen. Ich sitze zum ersten Mal in einer Generalübergabe des Palliativdienstes, mit dem ich fortan arbeite. Mein neuer Einstieg in die Palliativarbeit, die mich schon viele Jahre begleitet.

Mir geht es gut, sage ich mir. Körperlich, mental – wieder stabil. Nur der Darm schlägt noch aus, Meteorismus, der bis heute bleibt. Eine Reaktion der Stressachse, weiß ich heute, auf all das, was sich nicht mit Ernährung, Schlaf oder Bewegung allein regulieren lässt, weil es eigentlich um etwas anderes geht.

In dieser Übergabe fällt ein Name. Ein Fall. Mann, Mitte fünfzig, Pankreaskarzinom. Chirurg, viele Jahre operativ tätig – so wie ich es einmal war, aus der anderen Richtung des OP-Tisches. Ich kenne diese Diagnose. Ich weiß, was sie bedeutet, auch bei denen, die es eigentlich besser wissen müssten als ihre eigenen Patienten.

Und dann, ohne Vorwarnung: Panik. Unverstellt, roh. Was, wenn das bei mir ist? Was, wenn das, was da in meinem Bauch tickt, keine Stressachse ist, sondern etwas Bösartiges?

Ich habe lange über diesen Moment nachgedacht. Nicht über die Angst selbst – die war schnell wieder eingeordnet, ein Symptom meiner eigenen Geschichte, kein Befund. Sondern über das, was danach kam. Ein Gefühl, als würde mir das Leben selbst etwas zurufen. Dir ist schon bewusst, dass der Sekundenzeiger tickt? Als würde es fragen: Wann fängst du eigentlich an zu leben, wie du es willst?

Ich habe diese Geschichte seitdem oft erzählt. In Seminaren, in Unterrichtsformaten, wenn wir ehrenamtliche Hospizbegleiter ausgebildet haben. Sie funktioniert immer, weil sie etwas berührt, das jeder kennt und die wenigsten aussprechen: Die Zeit läuft, für uns alle, jeden Tag, nur meistens leise genug, dass wir sie überhören dürfen.

Genau das hört auf, sobald jemand mit Endlichkeit konfrontiert wird. Und dann zeigt sich etwas, das mich bis heute beschäftigt: Es ist oft mehr für die Angehörigen als für den Menschen, der betroffen ist. Die Patienten selbst erleben eine Klarheit, die von außen fast unbegreiflich wirkt. Fragen nach dem Danach, nach dem Was-jetzt, stellen sich in einem Tempo und mit einer Direktheit, die im gesunden Leben kaum vorkommt. Ob wir das mit den fünf Phasen nach Kübler-Ross beschreiben oder anders – das Modell interessiert mich weniger als das, was ich tatsächlich sehe: Jeder Mensch erlebt sein Erleben in seinen eigenen Triggern, seinen eigenen mentalen Modellen. Es gibt kein Schema, das trägt.

Was mich in dieser Arbeit am meisten verändert hat, ist aber nicht das, was ich bei den Sterbenden gesehen habe. Es ist der Unterschied zwischen zwei Arten, mit Zeit umzugehen, die ich seitdem überall wiedererkenne.

Die eine kenne ich aus meiner eigenen Geschichte, aus der Selbstoptimierung, aus der Longevity-Bewegung, aus jedem Fitnessstudio, in dem ich selbst stand, bevor ich verstand, was ich dort eigentlich tat. Diese Art rennt der Zeit hinterher. Mehr Jahre, mehr Gesundheit, mehr Kontrolle, mehr von allem – für ein Ideal, das immer ein Stück voraus bleibt. Man optimiert sich gegen die Zeit. Und je mehr man das tut, desto weiter entfernt man sich von dem, was eigentlich optimiert werden sollte: nicht der Körper, sondern das Leben darin.

Die andere Art habe ich erst in der Palliativarbeit kennengelernt. Wer sich der eigenen Endlichkeit wirklich stellt, hört auf, gegen die Zeit zu laufen. Die Zeit bekommt eine andere Bedeutung. Aus dem Rennen wird eine Frage: Was tue ich mit meinem Leben, mit meiner Zeit? Nicht mehr, mehr, mehr – sondern: dieses, hier, jetzt. Es gibt in Wuppertal einen Hospizdienst, der sich Lebenszeiten nennt. Ich finde selten einen Namen, der so genau trifft, worum es geht.

Das Problem ist also nicht, dass die Zeit läuft. Das war es nie. Das Problem ist, ob wir ihr hinterherlaufen oder mit ihr gehen.

Der wichtigste Satz, den ich aus der Hospizbewegung mitgenommen habe, lautet:

Gib nicht dem Leben mehr Tage, sondern gib dem Tag mehr Leben.

Ich habe mich oft gefragt, warum das nicht längst ein Lebenskredo ist, das wir im Kindergarten mitgeben. Stellen wir uns kurz vor, wir würden alle so leben. Hätten wir dann noch Zeit für Kriege? Für Macht? Für die Ungeduld an der Supermarktkasse? Ich glaube: nein. Und genau das ist, was eine lebensbeendende Diagnose radikal – im eigentlichen Sinn des Wortes, an der Wurzel – verändert. Für Kriege, für Politik, für die Schlange an der Kasse bleibt schlicht keine Zeit mehr. Was bleibt, ist das Leben selbst, ungefiltert.

Ich arbeite seit Jahren in diesem Feld, und ich will nicht verschweigen: Auch ich bediene einen Markt. Auch die Palliativmedizin ist ein Wirtschaftszweig, in dem gut verdient wird, in dem ich als Honorarkraft bezahlt werde, weil ein Gesundheitssystem an dieser einen Stelle noch großzügig ist. Das ändert nichts an dem, was in dieser Arbeit steckt: Berufung, eine hohe Selbstverantwortung, die Bereitschaft, sich nicht vor dem eigenen Leben zu verstecken. Wer sich dieser Arbeit stellt, kommt an der eigenen Biologie, der eigenen Identität, der eigenen körperlichen Endlichkeit nicht vorbei. Deshalb, glaube ich, gehen viele Therapeutinnen und Therapeuten diesem Feld lieber aus dem Weg – ganz gleich, welche Ausbildung, welche Schule.

Was ich in diesem Feld tue, ist noch neu. Erst vor wenigen Wochen bin ich in ein neu gegründetes SAPV-Team gewechselt – Pilotprojekt zwei-null, könnte man sagen, denn es baut auf, was es hier in Wuppertal in dieser Form schon einmal gab. Der Bedarf ist so groß, dass für Konkurrenzdenken schlicht kein Platz bleibt – es ist genug für alle da. Nach der ersten Übergabe stehen schon fünf Namen auf meiner Liste, von etwa dreißig Patientinnen und Patienten insgesamt. Und was mir dabei sofort wieder auffällt, ist das, was ich oben schon andeutete: Es sind vor allem die Angehörigen, die den hohen Gesprächsbedarf haben, die hohe Last, die offenen Fragen. Manchmal sind es auch die Patienten selbst. Aber im Wort psychosozial steckt das Wort sozial nicht zufällig mit drin. Es ist immer auch das Umfeld.

Warum schreibe ich darüber? Die ehrliche Antwort: weil wir nicht gern darüber sprechen. Endlichkeit ist kein Thema für den Small Talk an der Supermarktkasse, von der ich vorhin schon sprach. Wir verdrängen sie, in jedem Sektor, in jedem Kontext, in jedem Lebensbereich – nicht aus Bosheit, sondern weil es unangenehm ist, und Unangenehmes meiden wir, wo wir können. Ich glaube nicht, dass wir permanent über den Tod sprechen müssen. Das wäre selbst wieder eine Verzerrung. Aber hin und wieder braucht es diesen schmutzigen Finger in der Wunde, der daran erinnert, wie viel auf dem Spiel steht, wenn wir so tun, als hätten wir alle Zeit der Welt.

Dieser Text ist der Anfang einer Reihe – so wie zuvor die Selbstoptimierung ihre eigene bekommen hat, bekommt jetzt ihr Gegenstück eine. Es wird um die Angehörigen gehen, die oft mehr zu tragen haben als die Betroffenen selbst. Um die eigentliche Arbeit am Bett, wenn die Floskeln aufgebraucht sind. Und irgendwann um die Frage, was von Spiritualität bleibt, wenn man sie von Religion trennt. Mehr verrate ich nicht. Nur so viel: bequem wird das nicht.

Ich bin an diesem Feld nicht vorbeigegangen. Und der Moment in dieser Übergabe, die Panik, der Sekundenzeiger, der plötzlich hörbar wurde – das war der Anfang. Nicht das Ende einer Angst, sondern der Anfang einer anderen Art, mit der Zeit zu leben.

Was würde sich in deinem Leben ändern, wenn du der Zeit nicht mehr hinterherliefst? Wenn du wüsstest, wie viel dir bleibt – würdest du heute etwas anders tun als gestern?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass der Sekundenzeiger seit dieser Übergabe nie wieder leise geworden ist.

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