Der Karton – Rollen und Nähe in der Palliativarbeit

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Teil 3 der Reihe „Lebenszeiten – Essays zur Palliativarbeit"

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Ich sage oft, zu Angehörigen, manchmal auch zu Patienten selbst: Stellen Sie sich vor, ich bringe einen Karton mit. Werfen Sie rein, was Sie hier lassen möchten. Kippen Sie den Ballast einfach ab.

Das ist ein Satz, den ich in der klassischen Therapie so nie verwenden würde. Aber hier geht es um etwas anderes als Methode im engeren Sinn. Es geht um Zuhören. Um Dasein. Um einen Raum halten, der eine sichere Situation bietet und Zuwendung zeigt – und um die stille Botschaft, die darin steckt: Du darfst hier sein, wie du bist. Du musst sogar.

Der Karton

Was in diesen Karton fällt, überrascht mich immer wieder. Nicht, weil es sich wiederholt – sondern weil es fast nie das ist, was man erwarten würde.

Ich begleite gerade eine Familie: ein Patient mit einer neurologischen Erkrankung, die ungewöhnlich schnell verläuft, mehrere Krankenhausaufenthalte in kurzer Zeit, ein Allgemeinzustand, der sich sichtbar verschlechtert. Seine Frau und die beiden Töchter tragen das mit, jede auf ihre Art, alle drei erkennbar am Limit.

Was in den Karton fällt, sind selten Sätze über die letzte Phase selbst. Es sind Sätze wie: Wir hatten noch so viel vor. Ich hatte noch einen Streit mit meinem Vater, und jetzt kann ich das nicht mehr klären. Das Haus ist noch nicht abbezahlt. Als Opa gestorben ist, war das schon so schlimm – und jetzt das wieder. Ich hab Angst, dass er leidet und wir nichts tun können. Ich hab irgendwo gelesen, dass man bei dieser Krankheit erstickt.

Manche dieser Sätze haben nichts mit dem Sterben selbst zu tun. Menschen erzählen plötzlich vom Elternhaus, davon, was sich über Generationen im System festgesetzt hat – wo Probleme immer schon verdrängt statt besprochen wurden, wo eine bestimmte Funktionalität zur Gewohnheit wurde, weil niemand sie je infrage stellte. Der Karton füllt sich nicht mit der Angst vor dem Tod. Er füllt sich mit allem, was vorher schon da war und jetzt keinen Platz mehr zum Ausweichen findet.

Die vielen Rollen

Was mich an dieser Arbeit nie müde werden lässt, ist, wie unterschiedlich jede Familie ist. Oft reichen mir wenige Minuten im Haus, um zu spüren, wer mir da gegenübersitzt – nicht um zu urteilen, sondern um mich richtig einzustimmen. Jede Familie hat ihre eigene Sprache, ihren eigenen Rhythmus, ihre eigene Art, Nähe herzustellen oder auf Abstand zu gehen. Genau das mag ich an dieser Arbeit: Ich darf mich jedes Mal neu einlassen, ohne ein Schema mitzubringen.

Eine Familie, die ich vor einigen Jahren begleitet habe, ist mir bis heute im Kopf geblieben: ein kräftiger, tätowierter Mann, sein Leben lang körperlich hart arbeitend, plötzlich schwer erkrankt. Seine Mutter, eher zurückhaltend, reserviert – sicher nicht ohne Grund. Seine Frau, sichtbar erschöpft von beidem: der Krankheit und der Mutter. Manchmal war auch sein Bruder da.

Mit dieser Familie habe ich mehr Kaffee getrunken als anderswo, und ich habe sogar wieder angefangen, gelegentlich eine Zigarette mitzurauchen – obwohl ich seit Jahren nicht mehr rauche. Nicht, weil es nötig gewesen wäre. Sondern weil genau das zu dieser Familie passte, die Nähe herstellte, die dieser Moment brauchte. Bei einer anderen Familie hätte dasselbe Verhalten fehl am Platz gewirkt.

Im Haus lebten zwei große Hunde, die bei Besuch immer auf den Balkon mussten. Beim zweiten Mal sagte ich: Lasst die beiden doch rein, ich komm mit Hunden gut klar. Die Sorge, sie könnten zu stürmisch sein, war unbegründet. So saß ich irgendwann mit zwei Hunden, dem Patienten und seiner Frau auf dem Sofa, streichelte mit der einen Hand einen Hundekopf und hielt mit der anderen den Kaffee, während ich dem Mann sagte, dass es besser sei, seinem eigenen Gefühl zu trauen als sich Illusionen zu machen, die sich nicht halten lassen – auch wenn es genauso wichtig bleibt, die verbleibende Zeit so gut zu gestalten, wie es geht. Er fragte mich: Du glaubst also auch, dass es nicht mehr um Monate geht, oder? Ich musste darauf nichts sagen. Er hatte die Antwort längst.

Mit seiner Frau habe ich später den Karton gefüllt. Ihre Angst galt vor allem dem Danach: Wie soll ich das alles ohne ihn schaffen. Und bei aller Schwere war in diesem Haus auch immer Lachen. Der behandelnde Palliativarzt sagte einmal, halb erstaunt, halb amüsiert, ich würde es wirklich schaffen, alle zu betreuen – sogar die Hunde, die zu diesem Zeitpunkt zufrieden zu seinen Füßen lagen und sich kraulen ließen.

Nicht jede Rolle sieht so aus. Vor einigen Jahren saß ich bei einer Patientin in einer Kurzzeitpflege – noch nicht zu Hause versorgt, weil die häusliche Situation dafür nicht eingerichtet war. Sie sagte: Ich glaube, ich verdränge da auch ganz viel. Meine Antwort darauf ist fast immer dieselbe: Sie haben sicher gehört, was der Arzt Ihnen erklärt hat. Aber vielleicht ist es nicht ganz durchgedrungen. Wenn Sie möchten, gehe ich das mit Ihnen durch, ganz transparent, ganz ehrlich. Sagen Sie Stopp, wenn es nicht mehr geht. Dann kam das Gespräch, das sie eigentlich schon die ganze Zeit gebraucht hatte.

Was sich zeigt, wenn jemand geht

Es gibt einen Satz, den ich in Übergaben oft höre, den mir Angehörige oft erzählen, ohne dass ich danach frage: So hat sie schon immer gelebt.

Eine Angehörige erzählte mir von ihrer Mutter – fast achtzig, schwer krank, ihr Leben lang die Koordinatorin der Familie, die Organisatorin, die Kümmerin, hochgradig rational, liebevoll zugewandt, aber selten über eigene Gefühle sprechend. Auch jetzt, in ihrer Krankheit, hielt sie die Zügel weiter fest in der Hand. Es war immer so gewesen, sagte die Tochter – auch als ihr erster Mann noch lebte, auch beim zweiten. Sie selbst und ihr Bruder hätten lange gebraucht, um zu erkennen, dass sie dieses Muster unbewusst weitergelebt hatten, bis sie es irgendwann bewusst unterbrachen. Sie wünschte sich, ihre Mutter hätte dasselbe gekonnt.

Sie erzählte auch von einem Satz, den ein Arzt ihr einmal in einer ganz anderen Behandlung gesagt hatte: Was nicht gelebt wird, was zurückgehalten, weggedrückt, geschluckt wird, wächst irgendwann nach innen. Sie selbst zog die Verbindung zum Krebs ihrer Mutter, der sich, wie sie es beschrieb, ebenfalls ganz nach innen ausbreitete. Ich gebe diesen Gedanken so wieder, wie sie ihn mir gegeben hat – als ihre eigene Deutung, nicht als Tatsache. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen unterdrückten Gefühlen und einer Krebserkrankung lässt sich wissenschaftlich nicht belegen, und ich will das hier auch nicht behaupten. Was sich mir dagegen immer wieder zeigt, ist etwas anderes: Es gibt oft eine sichtbare Parallele zwischen dem, wie jemand gelebt hat, und dem, wie er geht.

Manche Menschen sterben, wie sie gelebt haben. Wer sein Leben lang für andere stark war und selten für sich selbst, bleibt das oft bis zuletzt. Und manchmal ist genau das der Punkt, an dem Unruhe entsteht: das Gefühl, noch etwas erledigen zu müssen. Wenn ich die Möglichkeit habe, danach zu fragen, tue ich das: Gibt es noch etwas, das erledigt werden soll? Worüber machst du dir Sorgen? Um wen sorgst du dich? Und wenn ich dann diese Sorge übernehmen kann – das kläre ich, das musst du nicht mehr tragen – sehe ich Menschen manchmal regelrecht aufblühen. Sich noch einmal mit sich selbst befassen, auf eine Weise, für die vorher nie Zeit war.

Es gibt aber auch die andere Seite derselben Unruhe. Das Erledigen-Müssen kann auch Ablenkung sein – vom eigentlichen Thema, der eigenen Sterblichkeit. Das ist zutiefst menschlich, und ich nehme mich selbst nicht aus: Auch wer wie ich seit Jahren über Endlichkeit schreibt, hat unangenehme Gedanken, wenn es um den eigenen Tod geht, gerade wenn das Leben gerade gut ist. Und manchmal zeigt sich die Unruhe auch anders: als Rückblick. Wie habe ich eigentlich gelebt? Was war das alles wert? Manche Menschen sagen mir dann Sätze wie: Ich bin ja eigentlich nicht gläubig, aber jetzt, wo ich weiß, dass es bald zu Ende geht, frage ich mich doch – ist danach einfach alles vorbei? Oder ist da etwas?

Diese Frage begleitet mich seither auch. Aber das ist ein anderer Teil dieser Reihe.

Was bleibt, ist das eine, was ich in jedem Karton, in jeder Rolle, in jeder Übergabe wiederfinde: Wie jemand gelebt hat, zeigt sich darin, wie er geht. Und wie eine Familie miteinander gelebt hat, zeigt sich darin, wie sie gemeinsam loslässt – oder eben nicht.

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