Was ich zurückbekomme – Dankbarkeit in der Palliativarbeit

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Teil 6 der Reihe „Lebenszeiten – Essays zur Palliativarbeit"

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Wieso denn Dankbarkeit, oder gar Demut?

Man könnte meinen, diese Arbeit nimmt etwas von mir. Fünf Teile lang habe ich von Panik geschrieben, von Überforderung, von Karton und Klartext und der großen, unbeantwortbaren Frage nach dem Danach. Das Naheliegende wäre, jetzt von der Last zu schreiben, die das alles hinterlässt.

Das Problem ist: Es stimmt nicht. Jedenfalls nicht so, wie man es erwarten würde.

Was zurückkommt

Ich werde in die intimsten Räume fremder Menschen gebeten. Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küchen, in denen jahrzehntelang gelebt wurde. Das braucht eine bestimmte Haltung – sich dort hinzusetzen, ohne sich aufzudrängen, ohne die Fremdheit des Moments zu überspielen. Aber was mir dabei begegnet, ist fast nie Ablehnung. Fast nie Distanz. Ich werde mit offenen Händen empfangen, in einer Regelmäßigkeit, die mich bis heute erstaunt.

Zurück kommt Dankbarkeit. Unabhängig davon, was ich eigentlich tue. Manchmal ist es das reine Dasein. Das Zuhören. Das Würdigen der Schwere, von dem ich in Teil vier geschrieben habe. Manchmal ist es kaum mehr als eine Anwesenheit, die niemand von mir verlangt hat und die trotzdem eine Erleichterung auslöst, die im Raum spürbar ist.

Ich kann das nicht mit meiner klassischen therapeutischen Arbeit in der Praxis vergleichen, so sehr mir auch die leichtfällt. Es ist etwas anderes. In der Palliativarbeit wächst bei mir, Woche für Woche, ein bisschen mehr Wertschätzung – nicht nur für das Leben der Menschen, die ich begleite, sondern für mein eigenes. Für diesen Körper, der mir gegeben ist, so lange er mir gegeben ist. Ich begleite am Lebensende. Und bekomme Leben zurück, in einer Form, die sich kaum in Worte fassen lässt, aber sehr genau spüren lässt.

Wie ich das trage

Das bedeutet nicht, dass es nie schwer ist. Es gibt Konflikte in der Versorgung, in der Abstimmung zwischen den Professionen – die lassen sich in Teamgesprächen meistens gut bearbeiten. Und es gibt die Möglichkeit zur Supervision, die ich wie jede Kollegin und jeder Kollege in diesem Feld regelmäßig nutze.

Was mir dabei auffällt, seit Jahren, in Gesprächen mit anderen Pflegekräften, Ärzt:innen, den wenigen Therapeut:innen in diesem Metier: Es ist ein Berufsfeld mit einer besonderen Kultur. Nicht nett im oberflächlichen Sinn – sondern achtsam, zugewandt, in einer Dichte, die ich aus anderen Arbeitsfeldern nicht kenne. Interdisziplinäre Rücksichtnahme ist hier keine Floskel, sondern gelebte Praxis. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum diese Arbeit trägt: Man trägt sie nicht allein.

Was bei mir im Gedächtnis bleibt, sind meistens die schönen Dinge. Das, was besonders gut getragen hat. Wenn Schwierigkeiten hängen bleiben, sind es fast immer Versorgungsfragen – nicht die Begegnung mit dem Sterben selbst.

Ein Fall aus der Kinderhospizarbeit geht mir bis heute nach. Über Jahre begleitete ich eine Familie, in der die Großmutter zunehmend um ihre eigene Tochter fürchtete – die Mutter eines lebensverkürzend erkrankten Kindes. Die Mutter selbst lehnte die Kinderhospizarbeit lange ab. Die Großmutter drängte fast darauf, nicht nur wegen des Kindes, sondern weil sie sah, wie sehr ihre Tochter psychisch an ihre Grenzen kam. Es gab echte Konflikte zwischen beiden, über lange Zeit. Was mir bis heute bleibt, ist nicht die Schwere dieses Konflikts allein, sondern das, was am Ende trug: ein Hilfssystem, das wir gemeinsam aufgebaut hatten, enger Austausch zwischen den beteiligten Professionen, der es am Ende ermöglichte, dass sich dieses System selbst stabilisieren konnte.

 

Der Sekundenzeiger, heute

Ich habe diese Reihe mit einer Panikattacke begonnen. Einer Übergabe, einem Namen, einer Diagnose, die mich fast von den Beinen holte, obwohl ich selbst nicht krank war. Damals war ich der Erschütterte. Jemand, der gerade erst begann zu verstehen, was diese Arbeit von einem Menschen verlangt.

Heute, Jahre später, ist der Sekundenzeiger immer noch hörbar. Aber er treibt mich nicht mehr in Panik. Er erinnert mich, fast täglich, daran, was ich mit meiner Zeit tun will – und daran, wie viel mir diese Arbeit dafür zurückgibt, gerade weil sie mich so nah an die Grenze führt. Ich bin nicht mehr der, der in jener Übergabe saß. Ich bin jemand geworden, der weiß, warum er das tut, und was es ihm gibt, trotz allem – oder vielleicht gerade deswegen.

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