Würdigung und Würde

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Teil 4 der Reihe „Lebenszeiten – Essays zur Palliativarbeit"

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Drei von hundert.¹

So viele Patient:innen auf deutschen Palliativstationen bekamen bei Aufnahme überhaupt eine Psychotherapie verordnet. Nicht, weil der Bedarf fehlt. Sondern weil er selten gedeckt wird. Manche niedergelassenen Psychotherapeut:innen lehnen palliative Patient:innen sogar ab – mit der Begründung, es sei ihnen zu schwer.

Ich schreibe das nicht, um anzuklagen, denn hier geht es schließlich um Würde und Würdigung. Ich schreibe es, weil es mich wachrüttelt. Und weil es genau dorthin führt, worum es in diesem Teil geht: um das, was uns davon abhält, Klartext zu sprechen. Um einen einzigen Satz, der oft mehr bewirkt als jede Methode. Und um die Frage, warum ausgerechnet die Berufsgruppen, die am meisten mit Nähe zu tun haben, diesem Feld am häufigsten ausweichen.

Klartext als Wendepunkt

Es gibt einen Moment, den ich in dieser Arbeit oft erlebe: Ein Arzt oder eine Pflegekraft hat den Klartext längst gesprochen. Die Diagnose ist klar, die Prognose auch. Und trotzdem kommt er nicht an.

Vielleicht liegt es daran, dass Fachkräfte diesen Klartext manchmal nicht so aussprechen können, dass er wirklich verstanden wird. Die Palliativmedizin will das Leben qualitativ verbessern, sie macht Mut, sie bestärkt – und genau das kann dazu führen, dass der eine Satz, der eigentlich gesagt werden müsste, immer wieder ausweicht. Kein Arzt, keine Pflegekraft, kein Therapeut spricht gern so drastisch mit den Menschen, die er begleitet.

Ein Teil meiner Arbeit ist, genau das wahrzunehmen. Dann halte ich Rücksprache mit dem Behandlungsteam und frage: Ist es in Ordnung, wenn ich dieses Gespräch führe? Nicht, um jemandem etwas wegzunehmen. Sondern weil manchmal eine Stimme von außen sagen kann, was von innen zu schwer wiegt.

„Es ist schwer" – der Loslass-Satz

Diesen Satz habe ich zum ersten Mal wirklich in meiner systemischen Ausbildung gelernt – nicht als Technik, sondern am eigenen Leib.

Wir arbeiteten in unserer Ausbildungsgruppe oft mit Selbsterfahrung, in großen Runden, sehr eng, sehr persönlich miteinander. In einer Übungssitzung ging es um Familiendynamiken, bearbeitet mit den klassischen systemischen Werkzeugen: zirkuläres Fragen, triangulierende Fragen, vor allem aber Stabilisieren und Raum halten. Ich war in der Rolle des Therapeuten, eine Kommilitonin die Klientin, mit ihrem eigenen, echten Thema. Irgendwann sagte ich einfach: Wow, das ist auch wirklich ganz schön viel.

Mehr nicht. Aber unsere Lehrtherapeutin griff genau diesen Moment danach in der Supervision auf. Sie sagte, wie unendlich hilfreich es sei, einfach zu sagen: Es ist schwer. Wir haben danach einen ganzen Tag über das Würdigen von Schwere, von Dynamik, von Dramatik gesprochen – weil es, wie sie sagte, eines der wichtigsten Werkzeuge überhaupt ist.

Das hat sich bei mir festgesetzt. Wenn ich seitdem zu Klient:innen mit Trauma, mit Burnout, in anderen schweren Lebenslagen sage: Wissen Sie, es ist wirklich schwer – oder frage: Haben Sie sich schon einmal gesagt, wie schwer es gerade ist? –, dann löst sich oft etwas. Die Dämme brechen, es wird geweint, geschluchzt. Und darin liegt eine Würdigung. Im Wort Würdigung steckt das Wort Würde. In der palliativen Arbeit sehe ich danach fast immer dasselbe: ein Aufatmen, ein Durchatmen. Ein Jetzt-geht-es-mir-besser.

Das deckt sich mit dem, was ich in meiner therapeutischen Arbeit ohnehin für den wichtigsten Grundsatz halte: radikale Ehrlichkeit, nicht als Härte, sondern als Klarheit – zur Wurzel, nicht um jeden Preis. Wer die Schwere ausspricht, statt sie zu umschiffen, macht Nähe erst möglich. Vertrauen. Einen sicheren Raum.

Warum wir ausweichen

Was diese Arbeit von vielem anderen unterscheidet: Sie lässt sich kaum rein akademisch erlernen. Ein Psychologiestudium ist, bei aller Tiefe, ein Studium – theorielastig, strukturiert, aber nicht zwangsläufig auf Selbsterfahrung ausgelegt. Woher soll also die Haltung kommen, die es braucht, um mit jemandem im Sterben zu sitzen? Das Hinter-der-eigenen-Profession-Stehen, von dem ich oft spreche – die innere Sicherheit, die eigene Regulation –, entsteht nicht im Hörsaal. Sie entsteht am eigenen Leib, in der eigenen Selbsterfahrung, im eigenen Leben.

Dabei fehlt es nicht an Wegen dorthin. Es gibt ein Zusatzcurriculum Palliative Care für Psychotherapeut:innen. Es gibt Palliative-Care-Fachausbildungen für Pflegende. Es gibt eigene Curricula für Seelsorgende, für Psychoonkolog:innen. Die Möglichkeiten, sich diesem Feld professionell zu nähern, waren nie größer als heute. Und trotzdem nähern sich vergleichsweise wenige tatsächlich an.

Das ist meine Beobachtung, kein Beleg – aber sie deckt sich mit dem, was mir in der Praxis begegnet: Ich glaube, diese Arbeit machen Menschen, die wirklich wollen. Die einen unmittelbaren Bezug zum eigenen Leben darin finden. Die sich damit identifizieren können, weil in kaum einem anderen Feld die Nähe zum Menschlichen, zum Körperlichen, zum eigentlich Wichtigen so unausweichlich ist wie hier.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum so viele ausweichen. Es ist nicht nur ein Berufsfeld. Es ist eine Konfrontation, die man nicht outsourcen kann – auch nicht an die beste Ausbildung.

Wann hast du zuletzt jemandem gesagt: Es ist schwer? Nicht als Trost, nicht als Floskel – einfach als Würdigung dessen, was gerade ist?

¹ Angabe laut einer Fachtagung der Psychotherapeutenkammer NRW (2009) zur Palliativversorgung und Psychotherapie, unter Bezug auf eine Untersuchung von L. Radbruch und Kolleg:innen.

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