Teil 7 der Reihe „Lebenszeiten – Essays zur Palliativarbeit" (Epilog)
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Vor einiger Zeit habe ich eine andere Reihe geschrieben. Sie hieß „Selbstoptimierung oder Wahn?“, und sie endete mit einem Epilog namens „Radikal leben“. Wer sie kennt, wird in diesen sieben Texten hier ihr Echo gehört haben, auch wenn ich es nie laut ausgesprochen habe. Jetzt ist es Zeit, das nachzuholen.
Beide Reihen handeln von derselben Sache. Nur aus entgegengesetzter Richtung.
Selbstoptimierung, so wie ich sie damals beschrieben habe, ist selten das, wonach sie aussieht. Sie tarnt sich als Fortschritt, als Disziplin, als Selbstfürsorge. Aber unter der Oberfläche liegt oft etwas anderes: Angst. Angst vor dem Sterben, vor Krankheit, vor Kontrollverlust. Man optimiert den Schlaf, die Werte, den Körper – gegen etwas, das sich nicht optimieren lässt. Gegen die Zeit selbst.
Diese Reihe hier ist aus der anderen Richtung entstanden. Nicht aus der Angst vor dem Ende, sondern aus der täglichen Nähe dazu. Und das Merkwürdige ist: Wer der Endlichkeit tatsächlich begegnet, hört meistens auf, gegen sie zu kämpfen. Die Patient:innen, von denen ich in diesen Texten erzählt habe, fürchteten selten das Sterben selbst. Sie fürchteten das Leiden davor. Das Unwürdige. Die Kontrolle, die ihnen genommen wird. Der Tod war nie der Feind. Das Siechtum war es.
Ernten statt optimieren
Ich gehe heute noch ins Fitnessstudio. Aber ich gehe nicht mehr hin, um zu optimieren, im Sinne dieses Wahns, den ich selbst jahrelang bedient habe. Ich gehe hin, um möglichst viel aus meinem Leben ernten zu können – Kraft, Beweglichkeit, ein paar gute Jahre, in denen ich noch selbst entscheiden kann, was mit mir geschieht. Das ist ein feiner, aber radikaler Unterschied. Optimieren schaut nach vorne, in ein Ideal, das nie erreicht wird. Ernten schaut auf das, was schon da ist, und fragt: Wie hole ich das Beste heraus, bevor es vorbei ist?
Dasselbe gilt für die Arbeit, die ich tue. Ich schreibe nicht mehr, um besser zu werden, produktiver, sichtbarer. Ich schreibe, weil in mir Gedanken liegen, die geerntet werden wollen, bevor sie verloren gehen. Dieselbe Bewegung gilt für die Menschen, die mir wichtig sind. Ich optimiere diese Beziehungen nicht. Ich ernte sie – Gespräche, Nähe, die gemeinsame Zeit, so lange es sie gibt.
Dahinter steckt etwas, das ich für mich „inneren Minimalismus“ nenne. Nicht Minimalismus im Sinne von leeren Regalen und weißen Wänden – davon halte ich wenig. Sondern die Frage: Was bleibt eigentlich übrig, wenn ich alles Nebensächliche wegnehme? Wenn ich das Bedürfnis wegnehme, gesehen zu werden, das Bedürfnis, mehr zu schaffen, das Bedürfnis, immer noch eine Version besser zu sein? Was bleibt dann von mir, von meinem Tag, von dem, was ich eigentlich will? Ernten ist die praktische Antwort auf diese Frage. Man kann nur ernten, was man nicht ständig neu aussät, aus Angst, es könnte nicht reichen.
Was ich nicht abgeschlossen habe
Ich will ehrlich sein, auch an einer Stelle, die weniger elegant ist als der Rest dieser Reihe. Kürzlich bekam ich harsche Kritik zu einem meiner Texte. Nicht konstruktiv, nicht mit Substanz – einfach hart. Und ich habe gemerkt, wie sehr mich das getroffen hat. Nicht kurz, nicht oberflächlich. Es hat wehgetan.
Das Unbequeme daran war nicht die Kritik selbst. Das Unbequeme war, was ich dabei über mich gelernt habe. Ich schreibe diese Texte auch, weil ich Resonanz will. Positive Resonanz. Ich habe mir lange ein Bild von mir zurechtgelegt, in dem ich der ruhige, souveräne Mensch bin, der sein Nein nicht erklärt und auf Kritik nicht reagiert, wie Marc Aurel es vielleicht getan hätte. Und dann musste ich mir eingestehen: Genau dieses Bild könnte selbst eine sehr raffinierte Form von Profilierung sein. Stoische Coolness als Tarnung für dasselbe Bedürfnis, das ich bei jedem TikTok-Ersteller belächle, der dem Algorithmus hinterherrennt.
Die schlichteste Formulierung, zu der ich gekommen bin, war am Ende die richtige: Kritik tut weh. Applaus tut gut. Punkt. Keine tiefere Weisheit, kein versöhnlicher Nachsatz. Ich hab lange versucht, daraus schnell etwas Nützliches zu formen – eine Erkenntnis, mit der ich arbeiten kann, ein Learning für die nächste Kritik. Aber vielleicht ist genau dieser Reflex, aus rohem Erleben sofort etwas Verwertbares zu machen, Teil desselben Musters, das ich hier eigentlich hinterfrage.
Ich kenne einen Podcaster, den ich sehr schätze, der wöchentlich Inhalte veröffentlicht und regelmäßig offen darüber spricht, wie sehr ihn der Algorithmus zermürbt – wie viel Arbeit reingeht, wie wenig davon zurückkommt, wie schwer es ist, aufzuhören, wenn man einmal angefangen hat. Ich frage mich dann jedes Mal: Wenn es so wenig zurückgibt, was treibt einen dann wirklich an? Vermutlich dieselbe Hoffnung, die auch in mir steckt. Und ich glaube nicht, dass sich diese Frage mit einer Reihe von Essays über Endlichkeit endgültig klären lässt. Radikale Ehrlichkeit bedeutet eben auch: sich einzugestehen, dass manche Dinge nicht fertig werden. Das Leben ist lebenslanges Lernen, nicht im Sinne von Vokabeln, die man irgendwann alle kann, sondern im Sinne von Fragen, die bleiben, so lange man lebt.
Was in meiner Hand liegt
Was mir dabei hilft, ist ein altes Werkzeug, das ich in loser Anlehnung an die Stoiker für mich nutze: die Frage, was in meiner Kontrolle liegt, was teilweise, und was gar nicht. Ob jemand meinen Text hart kritisiert, liegt nicht in meiner Hand. Ob es wehtut, liegt nur teilweise in meiner Hand – Gefühle lassen sich nicht per Beschluss abstellen. Was ganz in meiner Hand liegt, ist die Frage, was ich mit dem Schmerz mache, nachdem er da ist. Ob ich ihn sofort in eine Lehre verwandle, um mich besser zu fühlen. Oder ob ich ihn einfach eine Weile aushalte, ohne ihn zu benutzen.
Das ist keine stoische Gleichgültigkeit. Das ist eher eine Triage. Und sie hilft mir öfter, als mir manchmal lieb ist – gerade weil sie mir keine Erlösung verspricht, sondern nur eine Einteilung.
"Vier-Tage-Woche"
Ich habe in dieser Reihe oft von anderen Menschen erzählt, die ihre verbleibende Zeit neu geordnet haben. Es wäre unehrlich, an dieser Stelle nicht auch von mir selbst zu erzählen.
Ich arbeite gerade daran, ab 2027 eine Art Vier-Tage-Woche zu installieren – bewusst in Anführungszeichen, denn eigentlich trenne ich Arbeit und Leben gar nicht richtig. Das war die meiste Zeit auch nicht nötig. Ich gehe morgens leben, nicht arbeiten, sage ich mir oft, und das stimmt meistens auch. Aber es gibt gerade Phasen, in denen sich in meinem beruflichen Umfeld einiges radikal verändert – Dinge, über die ich an dieser Stelle noch nicht schreiben kann. Und in solchen Phasen wird Arbeit auch bei mir manchmal zur Last statt zur Berufung. Dann wird plötzlich wichtig, Arbeitszeit und arbeitsfreie Zeit wieder zu unterscheiden – vielleicht nur für einen Moment, vielleicht länger. Alte Modelle darf man dafür kurz in die Schublade legen, auch wenn sie einem sonst gute Dienste leisten. Genau das ist vielleicht der eigentliche Sinn dieser „Vier-Tage-Woche“: mir selbst klarzumachen, dass es jetzt nicht um Praxis geht, nicht um Seminare, nicht um irgendeine Funktion, die ich innehabe. Jetzt geht es um andere Dinge. Ich schreibe das hier auch deshalb auf, weil es mich angreifbar macht. Man kann mich daran messen, ob ich es wirklich durchziehe. Das ist unangenehm. Aber genau das ist der Punkt: Radikale Ehrlichkeit, die nichts kostet, ist keine.
Und noch eine letzte Ehrlichkeit, die zu dieser ganzen Reihe gehört: Diese Texte entstehen so – ich spreche roh, unformatiert, oft viel zu lang in Diktate hinein. Eine KI hilft mir dabei, dieses Rohmaterial zunächst in Form zu bringen. Daraus entstehen dann die Texte, die ihr hier lest. Die Arbeit mit einer KI erleichtert es mir außerdem, meine eigenen Schachtelsätze zu entwirren – ich bin darin, das gebe ich offen zu, ein wahrer Meister.
Ich könnte das genauso gut mit einem Menschen machen. Ich kenne Lektor:innen, ich kenne Menschen, die selbst schreiben, ich könnte mich auch einfach hinsetzen und es allein tun. Aber für mich liegt der eigentliche Wert nicht im Aufschreiben und im wiederholten Lesen und Feilen. Der Wert liegt im Diktieren selbst – darin, mich beim Sprechen emotional und körperlich zu beobachten, eine Metaebene einzunehmen, während die Worte noch roh und ungeordnet aus mir herauskommen. Das ist die eigentliche Arbeit, die mir wichtig ist. Was danach mit dem Material geschieht, ist die zweite, gemeinsame Hälfte – und die teile ich bewusst mit einer KI, nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil genau diese Aufteilung für mich funktioniert. Auch das gehört zur Wahrheit über diese Reihe, und ich sehe keinen Grund, das zu verschweigen, ausgerechnet in einer Reihe, die von radikaler Ehrlichkeit handelt.
Ich habe in dieser Reihe von Menschen erzählt, die genau das getan haben, wovon dieser Epilog handelt. Der Vater, der endlich wieder mit seinem Sohn sprach. Die Frau, die den Karton mit allem füllte, was sie loslassen wollte. Der Mann, der nicht mehr wusste, ob er glaubte, und der es am Ende auch nicht mehr wissen musste. Keiner von ihnen hat bereut, was er nicht getan hat. Sie alle hatten etwas anderes: ein Nachholbedürfnis. Eine plötzliche Klarheit darüber, was jetzt noch zählt.
Ich kenne dieses Nachholbedürfnis auch selbst, sehr gut sogar. Es hat sich nicht aufgelöst, nur weil ich darüber schreibe. Aber es hat sich verändert, seit ich radikal ehrlich mit mir selbst darüber bin, woher es kommt und wohin es mich treibt. Das ist der eigentliche Kern dessen, was ich in diesen sieben Texten zu zeigen versucht habe, auch wenn ich es bis jetzt nie so direkt gesagt habe:
Das Problem ist nicht, dass die Zeit läuft. Das war es nie. Das Problem ist, ob wir ihr hinterherlaufen oder mit ihr gehen.
Wer ihr hinterherläuft, verbraucht seine Zeit damit, sie zu bekämpfen. Wer mit ihr geht, fängt an zu ernten, so lange noch etwas auf dem Feld steht.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir bleibt. Niemand weiß das. Aber ich weiß jetzt, seit dieser Arbeit, seit diesen sieben Texten, was ich mit der Zeit tun will, die ich habe. Nicht mehr werden. Nicht mehr schaffen. Sondern ernten, was schon da ist, bevor es vorbei ist.
Das ist die Antwort, zu der mich diese Reihe geführt hat. Vielleicht ist sie auch deine.
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